Gastbeiträge

Wie Du Deinen Text für einen gesprochenen Vortrag aufbereitest

Text vortragen

Hier erfährst Du, was geschriebene und gesprochene Texte gemeinsam haben – und was unterschiedlich funktioniert. Beatrix erklärt Dir, wie Du vorgehst, wenn Du Deinen geschriebenen Text nicht ‚einfach nur‘ vorlesen willst.

Du hast einen tollen Text geschrieben, in den du viel Recherche, Wissen und Zeit investiert hast. Er liest sich flüssig und bietet eine Menge Mehrwert. Nachdem Du ihn veröffentlicht und in die Welt hinausgelassen hat, kommt die Anfrage: „Kannst Du zu diesem Thema öffentlich sprechen?“

Oder Du entscheidest selbst, Dein Wissen durch einen Vortrag Deiner Zielgruppe zugänglich zu machen. Dein geschriebener Text soll sich jetzt wandeln; gedruckte Worte zu gesprochenen werden.

Obwohl Du vieles von Deinem Text für das öffentliche Sprechen weiterwenden kannst, musst Du in einigen Punkten neu denken. Ich erkläre Dir, worauf Du achten solltest. Und wie Du vorgehst, wenn Du Deinen geschriebenen Text nicht ‚einfach nur‘ vorlesen willst.

Vorlesen macht noch keinen Vortrag

Wobei Vorlesen so einfach gar nicht ist: Wirklich gutes, flüssiges Vorlesen erfordert eine Menge an Knowhow und Übung. Doch für das Sprechen vor Publikum ist das Vorlesen Deines Textes niemals das Mittel der Wahl. Denn: Geschriebenes und Gesprochenes funktionieren unterschiedlich.

Dein geschriebener Text wird anderen Leuten durchs Lesen zugänglich. Du schreibst einen Text allein – und einige Zeit später sitzt ein anderer Mensch mit Deinen Zeilen da; liest sie still und für sich. Wer einen Text liest, entscheidet selbst, wieviel Zeit er für die vollständige Aufnahme braucht.

Beim Lesen entscheidet der Leser, wie schnell er Informationen aufnimmt

Dein Leser bestimmt die Geschwindigkeit, in der er Deinen Text durchgeht. Er behält den Überblick, indem er ins Inhaltsverzeichnis blickt. Durch Satzzeichen und typografische Gestaltung orientiert er sich im Text, weil so die innere Gliederung Deines Geschriebenen sichtbar wird. Fremd- und Fachwörter schlägt Dein Leser nach. Und schwierige Passagen liest er mehrmals.

All das kann Dein Publikum bei einem gesprochenen Vortrag nicht tun. Deine Zuhörer sind für die Zeit Deines Vortrags mit Dir im selben Raum. Alle erleben Deinen Text durch ein besonderes Medium: Dich! Zugespitzt formuliert: Du und Dein Sprechen stehen zwischen Deinen Inhalten und Deinen Zuhörern.

Deine Zuhörer sind darauf angewiesen, dass Du verständlich sprichst

Was Dein Publikum durch Deinen Vortrag erlebt und erfährt, ist intensiv mit Dir als Person verbunden. Außer um das WAS des Inhalts, geht es beim Sprechen um das WIE: Deine Verständlichkeit, Deine Sprechweise und Deine Beziehung zum Publikum.

Deswegen solltest Du Deinen Text für Deine Zuhörer aufbereiten. Keine Angst, Du musst dafür nicht alles über Bord werfen und komplett neu beginnen. Denn einiges, was Deinen geschriebenen Text gut lesbar macht, ist auch für den gesprochenen Vortrag wichtig.

4 Kriterien der Verständlichkeit, die für Texte und Vorträge gelten

Schauen wir uns an, welche Verständlichkeits-Kriterien für geschriebene und gesprochene Texte gleichermaßen entscheidend sind. Es sind die vier folgenden:

1) Struktur und Ordnung 

Sicher hast Du bei Deinem Text auf Struktur und Ordnung geachtet. Genau in dem Punkt brauchen geschriebene und gesprochene Texte das gleiche Maß an Aufmerksamkeit. Beide Text-Formen leben von einem Überblick am Anfang, einer klaren inneren Gliederung und einer Zusammenfassung am Schluss.

2) Einfachheit 

Ebenso wichtig war Dir sicherlich beim Schreiben Deines Textes, dass er für Deine Leser einfach zu verstehen ist. Denn Dein Text soll nicht nur für Fachexperten oder erst nach dem 5. Mal Lesen zugänglich sein. Auch für gesprochene Texte ist Einfachheit entscheidend!

3) Kürze und Prägnanz

Natürlich ist Dein Text prägnant geschrieben und angemessen kurz. Beim Schreiben hast Du den Kern der Sache im Blick behalten und beim Überarbeiten alles Langatmige rausgestrichen. Darauf kannst Du mit Deinem gesprochenen Vortrag wunderbar aufbauen.

4) Anregung und Interesse

 Beim Schreiben hast Du darauf geachtet, dass Dein Text nicht nur eine trockene Masse an Worten ist. Sondern, dass Du Deine Leser direkt ansprichst, Bilder entstehen und Beispiele das Ganze würzen. Anregung und Interesse sind auch für gesprochene Texte wichtig.

Nun kommen wir zu den Punkten, die Du beim Sprechen vor Leuten besonders beachten musst, damit Dein Text auch in der mündlichen Variante zu leben anfängt.

Weg von ganzen Sätzen, hin zu Stichworten

Ganz wichtig ist beim Umarbeiten Deines Textes zu einem gesprochenen Vortrag: Befreie Dich in der Vorbereitung vom vollständig geschriebenen Satz. Drösle Deinen Text auf. „Verstichworte“ ihn. Mach Dir nur für das Notwendigste Notizen und schreib gut lesbare Stichpunkte auf Karteikarten.

Auch, wenn es erstmal schwerfällt: Lass nur das Gedankengerüst stehen. Du hast Deinen Text geschrieben, Du kennst ihn gut, hast Deine Inhalte im Kopf und im Herzen. Jetzt gibst Du ihm eine neue Form. Er darf zu gesprochener Sprache werden. Das ist ein Wandlungs-Prozess.

Schreib Dir die wichtigsten Kerngedanken Deines Textes in Stichworten(!) raus. Erarbeite Dir eine griffige Einleitung und einen Schluss, der im Gedächtnis bleibt. Anfang und Ende sind die einzigen beiden Teile des Vortrags, die Du wortwörtlich festlegst.

Aber auch hier gilt: Nur so viel aufschreiben, wie Du wirklich brauchst. Versuche, mit der Unterstützung durch einen Stichwortzettel so frei wie möglich zu sprechen.

Vom Grundsätzlichen zu den Details argumentieren

Strukturiere Deine Inhalte. Argumentiere immer zuerst das Grundsätzliche und dann die Einzelprobleme. Fasse die Punkte, die Dein Publikum im Gedächtnis behalten soll, am Ende eines Redeabschnitts noch einmal zusammen. Danach gib Deinen Zuhörern einen Überblick, was sie als Nächstes erwartet.  

Arbeite beim Sprechen mit strukturierenden Einschüben. Sie helfen Deinen Zuhörern bei der Orientierung, wo du Dich gedanklich gerade befindest. Das kann sich so anhören:

  • „Ich fasse das Wichtigste aus dem 1. Punkt noch mal zusammen…“
  • „Im Folgenden beantworte ich 3 Fragen…“
  • „Das waren die Grundlagen. Was bedeutet das konkret für uns?“

Verwende beim Sprechen kurze Sätze. Es sollten vor allem Hauptsätze sein. Vermeide Schachtelsätze und formuliere so aktiv wie möglich. Wenn Du Fremd- oder Fachwörter verwendest, erkläre sie kurz oder umschreibe sie. Nicht immer wirst Du auf ein genau zutreffendes Fachwort verzichten wollen – bringe es Deinen Zuhörern jedoch bewusst nahe.

Visualisierungen gezielt einsetzen

Besonders gut prägen sich Fachbegriffe ein, wenn Deine Zuhörer sie zusätzlich lesen. Benutze visuelle Hilfsmittel, um die Verständlichkeit Deines Vortrags zu erhöhen, zum Beispiel ein Flip-Chart oder eine PowerPoint-Präsentation. Bei Visualisierungen sollte jedoch Dein eigenes Sprechen im Vordergrund stehen. Achte darauf, dass visuelle Inhalte Dich unterstützen – und nicht die Führung übernehmen.

Denn die Führung beim Vortragen hast Du: deine Stimme, Dein Körperausdruck, Deine ganz persönliche Art. Deine Zuhörer folgen Dir gerne, wenn Du verständlich sprichst.

Was Verständlichkeit beim Sprechen bedeutet

Mach immer wieder deutliche Pausen, während Du sprichst. Die brauchen Deine Zuhörer, um das eben Gehörte zu verarbeiten. Gib ihnen Zeit dazu. Selbst wenn Dir Deine Pausen endlos vorkommen: Das sind sie aus Publikums-Sicht nicht. Erinnere dich daran, dass beim Lesen bestimmt der Leser selbst, wann er durchatmet und das Geschriebene sacken lässt. Beim Sprechen musst Du dafür die Verantwortung übernehmen.

Geh am Ende eines Satzes deutlich mit der Stimme runter. Dann wissen Deine Zuhörer, dass ein Gedanke abgeschlossen ist und können sich auf den nächsten einstellen. Sei achtsam mit deiner Stimme: Oft passiert es bei sehr engagiertem Sprechen oder durch Unsicherheit, dass die Stimme hochrutscht. Dann nimmt jedoch die Verständnisfähigkeit Deiner Zuhörer ab. Sprich also im ‚Brustton der Überzeugung‘.

Du musst nicht übertrieben laut sprechen, um Deine Zuhörer zu erreichen. Artikuliere lieber deutlich: Forme alle Laute beim Sprechen mit Aufmerksamkeit aus. Dann dringt Dein Sprechen auch bis in die hinterste Ecke des Raumes und dein Text fängt in den Ohren Deiner Zuhörer zu leben an.

Probe Deinen Vortrag im geschützten Rahmen

Bevor du mit Deinem Vortrag vor Deine Zuhörer trittst, sprich ihn zu Hause in Ruhe mindestens einmal laut durch. So merkst du, wo Du unsicher wirst. Du findest heraus, wo Überleitungen noch nicht ganz klar sind oder wo Du Dich verzettelst.

Ganz besonders bewusst wird Dir das, wenn Du eine vertraute Person bittest, Dein Probe-Publikum zu sein. So bekommst du Feedback und machst Deine Sache dann beim wirklichen Vortrag noch besser.

Du wirst merken: Dein Text hat als Vortrag zwar eine andere Form, aber die Inhalte sind immer noch die gleichen. Deine Gedanken, Deine Expertise drücken sich einfach anders aus.

Jetzt wünsche ich Dir viel Spaß beim Umarbeiten Deines Textes in einen Vortrag!

Das ist Beatrix!

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Als Theater-Regisseurin und Rhetorik-Trainerin hat Beatrix Erfahrung damit, Menschen auf der Bühne ‚groß‘ zu machen und für jede Haltung den optimalen sprecherischen Ausdruck zu finden. Sie unterstützt dich dabei, klar, direkt und durchsetzungsstark über deine Themen zu reden. Beatrix hat sich auf ihr Herzens-Thema spezialisiert: das Sprechen von Frauen vor Publikum und in Gesprächen.

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Bild von Pexels.

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